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Raumkonzept: Transitraum III, 2013

In der malerischen Arbeit, die die Künstlerin seit 2002 verfolgt, setzt sich Kursawe hauptsächlich mit modernen Stadträumen auseinander. Interessiert ist sie an dem zeitgenössischen architektonischen Raum in dem der heutige Mensch lebt. Architektur als Lebensraum ist geprägt nicht nur von den vorhandenen Baumassen, ihren Proportionen und ihrer geometrischen Ausdehnung im Raum sondern wesentlich auch von Leerraum, Zwischenräumen und Umgebungen. Die immaterielle Wirklichkeit der Stimmungen und Atmosphären, Nähen und Weiten, Dimensionen und Niveaus bestimmt ebenfalls die Raumqualität.

In ihren Bildern tauchen immer wieder Menschen als geometrisch reduzierte Figuren auf, die sich durch diese Räume bewegen. In den letzten Jahren kristallisierten sich Transiträume im Sinne des Durchgangsraumes als eine Hauptthematik ihrer Arbeit heraus. Öffentliche Räume, die durchschritten werden, Räume die ‚Zwischenräume‘ bilden wie z.B. Warteräume in Bahnhöfen, Flughäfen in denen Menschen auf einen Transport von einem Ort zum anderen warten, oder eine Passage, die von einer Seite zur andern führt; Orte wo man nicht mehr da und noch nicht dort ist. Auf Grund der fortschreitenden Mobilität erscheinen Orte verstärkt als austauschbare Zwischenstationen und werden nicht notwendigerweise als stabile Aufenthaltsorte wahrgenommen.

Bewusst setzt die Künstlerin öfters Linien und Flächen in ihre gemalten Bilder, die den Regeln der Perspektive widersprechen und so zur Irritation führen. So weiß man oft nicht woher ihre Figuren kommen und wohin sie gehen.

Eine experimentelle Weiterführung sind nun ihre Raumkonzepte „Transiträume“. Bilder im Allgemeinen, zeigen die räumliche Dimension auf einer Fläche, nun überträgt Kursawe zweidimensionale Linienführungen und Flächen in den tatsächlichen dreidimensionalen Raum und verwischt dabei die Grenze zwischen den Dimensionen. Die Installation besteht aus farbigen Klebebändern, kleinen gemalten Bildern und flächigen Objektteilen. Wände, Boden, Decke und Leerraum werden mit einbezogen. „Transitraum“ fordert die Betrachter zu einem sehgewohnheitserweiternden Spiel auf.

Der Besucher durchschreitet und erlebt den Raum aus verschiedenen Blickwinkeln. Durch minimale künstlerische Strukturierung setzen sich ‘neue Räume‘ und Verhältnisse zusammen und Raumgrenzen werden aufgesprengt.

Elisa Asenbaum, G.A.S-station, Berlin

 

Bewegte Schemen

Die heutige Zeit ist schnelllebig. Der Mensch hastet von Ort zu Ort, Informationen stürmen auf ihn ein, die Uhr tickt schneller und schneller. Zeit, die aufgenommenen Eindrücke zu verarbeiten, bleibt da kaum.Konturen verwischen sich, Menschen verlieren ihre Individualität, Landschaften werden zu anonymen Orten. Diese Thematik beschäftigt die Berliner Künstlerin Anna-Maria Kursawe in ihrer jüngsten Ausstellung "Aufenthaltswahrscheinlichkeiten", die zurzeit im Ansbacher Verwaltungsgericht präsentiert wird.

Der Titel suggeriert bereits jenes Vage, Unbestimmte, Flüchtige, das unsere heutige Alltagswirklichkeit größtenteils bestimmt. Auf eindrucksvolle Weise verleiht Anna-Maria Kursawe diesem Phänomen Gestalt.Ihre Bilder haben etwas von doppelt belichteten Fotografien, bei denen sich mehrere Schickten übereinander lagern. Dinge werden nicht mehr scharf abgegrenzt, sondern verwischen und werden zu Schemen, die gerade noch die gröberen Umrisse erkennen lassen. Zugleich erzeugt diese Malweise den Eindruck von Bewegtheit, von einem Vorbeirauschen der Szenerie, so wie von einem Autofenster heraus betrachtet. Menschen erscheinen schablonenhaft, größtenteils ohne charakterisierende Gesichtszüge und ohne sichtbaren Bezug zueinander oder der Welt, die sie umgibt. Als Landschaften zeigt die Künstlerin vorzugsweise Orte, die ohnehin eine gewisse Anonymität befördern. Dazu gehören Industriegebiete ebenso wie manches Stadtviertel oder auch einzelnes Bauwerk. Die weiße Aussichtsplattform vor dem Palau Nacional in Barcelona etwa, ein Platz, so steril, unpersönlich und weitläufig, dass sich der Mensch darin verliert und trotz einladender Stadtansicht kaum Muse zum Verweilen empfindet. Anna-Maria Kursawe gibt diese Stimmung auf ihrem Barcelona-Bild eindrücklich wieder. Wie verloren stehen die Touristen in Rückenansicht zum Betrachter auf der Terrasse, die Konturen der darunter liegenden Stadt verschwimmen, der Ort wird im Grunde austauschbar. "Haus" heißt ein anderes Bild. Ein streng geometrisches Gebäude, das einsam in einer frostig wirkenden Landschaft liegt. Seltsam teilnahmslos blicken die beiden Frauen im Vordergrund des Bildes "Vorüberziehen" ins Leere. Sie scheinen in keinem Bezug zu ihrer Umgebung zu stehen, welche selbst eigentümlich kühl anmutet obwohl es sich um eine Sommerszene handelt.

Dieser Effekt, der so typisch für die Arbeiten Kursawes ist, wird zusätzlich durch die Farbgebung bestärkt. Die Künstlerin verwendet ausschließlich Eitempera, was ihren Bildern eine helle mitunter transparente Farbigkeit, ähnlich der des Aquarells, verleiht. So wirken sie zum einen kühl, glasig, vielleicht sogar ein wenig abweisend, aber zum anderen auch licht, luftig und freundlich. Dies formuliert einen reizvollen Widerspruch zu der düsteren Thematik der Ausstellung und macht Anna-Maria Kursawes Werke zudem ästhetisch höchst ansprechend. Die Farbwahl und der kubistische Anklang verleihen ihren Bildern einen gewissen nostalgischen Touch, der jedoch nichts Romantisierendes hat. Kursawes Bilder foppen, gerade weil sie so schön sind.


Martina Kramer: Fränkische Landeszeitung - Ansbacher Tagblatt - 20.5.2010